Das Baujahr sagt wenig, die Vorlauftemperatur alles
Die häufigste Aussage, die wir am Küchentisch hören, lautet: Mein Haus ist von 1968, dafür ist eine Wärmepumpe doch nichts. Das Baujahr allein sagt darüber jedoch fast nichts aus. Entscheidend ist eine einzige Größe: Mit welcher Vorlauftemperatur wird das Haus am kältesten Tag des Jahres warm?
Der Grund liegt in der Funktionsweise. Eine Wärmepumpe hebt Wärme von einem niedrigen auf ein höheres Temperaturniveau. Je größer dieser Sprung, desto mehr Strom braucht der Verdichter. Bei 35 Grad Vorlauf arbeitet dieselbe Anlage deutlich sparsamer als bei 55 Grad, und bei 70 Grad wird sie unwirtschaftlich.
Viele Häuser der sechziger und siebziger Jahre haben aber einen Vorteil, den ihre Eigentümer nicht kennen: Die Heizkörper wurden damals großzügig ausgelegt, weil die Kessel ohnehin ungeregelt liefen. Wurden seitdem die Fenster getauscht und Dach oder oberste Geschossdecke gedämmt, ist die Heizlast gesunken, während die Heizflächen dieselben geblieben sind. Genau diese Konstellation ergibt niedrige Vorlauftemperaturen.
Der Test, den Sie selbst machen können
Warten Sie einen richtig kalten Tag ab, am besten unter null Grad. Stellen Sie an der Regelung Ihrer bisherigen Heizung die Vorlauftemperatur auf 50 bis 55 Grad ein und öffnen Sie alle Thermostatventile ganz. Lassen Sie die Anlage so einen ganzen Tag laufen und gehen Sie am Abend durch alle Räume.
Werden alle Zimmer angenehm warm, ist die Grundlage für eine Wärmepumpe da. Sie brauchen dann keine neue Dämmung und keine neuen Heizkörper, sondern eine sauber gerechnete Anlage und einen ordentlichen hydraulischen Abgleich.
Bleibt ein Raum kühl, notieren Sie welcher. Meist ist es ein einzelnes Zimmer, häufig an der Nordseite oder über einer Durchfahrt. Dort ist der Heizkörper zu klein. Der Tausch gegen ein größeres Modell oder einen Niedertemperaturheizkörper kostet einen Bruchteil dessen, was eine Fassadendämmung kostet, und löst das Problem vollständig.
Ein Hinweis zum Test: Er ersetzt keine Heizlastberechnung. Er sagt Ihnen aber innerhalb eines Tages und ohne Kosten, in welche Richtung es geht, bevor Sie überhaupt jemanden ins Haus holen.

Was wirklich nötig ist und was nicht
Nötig ist eine raumweise Heizlastberechnung nach Norm, damit die Gerätegröße stimmt. Zu groß bedeutet Takten und Verschleiß, zu klein bedeutet Heizstabbetrieb an kalten Tagen. Nötig ist ebenso ein hydraulischer Abgleich, denn ohne ihn muss die Anlage höher fahren, damit auch der letzte Raum warm wird, und verschenkt einen Teil des Gewinns. Und nötig ist ein durchdachter Aufstellort mit freier Luftführung, frostfreiem Kondensatablauf und geprüftem Schallpegel am Nachbargrundstück.
Nicht nötig ist dagegen eine Fassadendämmung, solange der Test oben gut ausgeht. Sie senkt den Verbrauch, ist aber keine Voraussetzung. Nicht nötig ist der Austausch aller Heizkörper, in den meisten Häusern betrifft es ein bis zwei Räume. Und nicht nötig ist eine Fußbodenheizung im ganzen Haus, sie ist die effizienteste Lösung, aber kein Muss.
Diese Unterscheidung ist der Kern der ganzen Frage. Wer die nötigen Punkte weglässt, spart am falschen Ende und zahlt es über zwanzig Jahre Stromrechnung zurück. Wer die nicht nötigen Punkte mitkauft, gibt Geld für Sicherheit aus, die er nicht braucht.
Der ehrliche Blick auf die Grenzfälle
Es gibt Häuser, bei denen eine Wärmepumpe heute nicht die richtige Wahl ist. Dazu gehören unsanierte Gebäude mit Einfachverglasung und kleinen Heizkörpern, bei denen der Test deutlich scheitert, und Häuser ohne jeden geeigneten Aufstellort, etwa in sehr dichter Altstadtbebauung mit Denkmalschutzauflagen.
In diesen Fällen ist die Reihenfolge entscheidend: erst die Heizlast senken, dann die Wärmeerzeugung tauschen. Wer zuerst dämmt und Fenster tauscht, braucht anschließend ein kleineres und günstigeres Gerät. Wer es umgekehrt macht, kauft eine Anlage für einen Zustand, den es in zwei Jahren nicht mehr gibt.
Und es gibt den Fall, in dem eine Pelletheizung die bessere Antwort ist: hohe nötige Vorlauftemperaturen, dickes Mauerwerk, Platz für ein Lager und eine Zufahrt für das Silofahrzeug. Wer einen alten Öltankraum hat, hat den Platz meist schon.

